Philip Venables

Bewerbung um das Arbeitsstipendium

Hier finden Sie die Dokumentation für die Bewerbung um das Arbeitsstipendium

Es handelt sich um drei Werke, zwei Opern und ein Violinkonzert.

  1. Denis & Katya (2019) — Oper
  2. 4.48 Psychosis (2016) — Oper
  3. Venables plays Bartók (2018) — Violinkonzert

Foto: Monica de Alwis, 2021

“Venables, der im Februar vierzig Jahre alt wird, ist eher eine Figur der Gegenkultur als Adès oder Benjamin und bevorzugt gewalttätige Themen und gewalttätige Klänge. Vor “4.48 Psychosis,” erlangte er eine gewisse Berühmtheit für sein Stück “Illusions,” aus dem Jahr 2015, in dem ein Instrumentalensemble einen Anti-Establishment-Monolog des Queer-Performance-Künstlers David Hoyle mit rauer Musik untermalt. (Die BBC strahlte 2017 eine Version aus, die den Satz “The media shits into your brain” (Die Medien scheißen in dein Gehirn) über den Äther schickte). Venables’ Vorliebe für politisch brisante Themen ist umso auffälliger, als er häufig Sprechstimmen verwendet, die mit rasanten Instrumentallinien koordiniert werden. Doch er ist auch ein Komponist von beträchtlicher Raffinesse, der aus wenigen, sorgfältig gewählten Tonhöhen ätherische Texturen zu weben vermag. Diese Kombination aus Wildheit und Sparsamkeit macht ihn zu einer verblüffend originellen musikalischen Persönlichkeit.”  — Alex Ross, The New Yorker


Foto von der Produktion Denis & Katya in Großbritannien. Foto: Clive Barda.

Denis & Katya (2019)

Text: Ted Huffman / Co-creator: Ksenia Ravvina
Auftraggeber: Opera Philadelphia, Music Theatre Wales, Opéra Orchestre National Montpellier.
Uraufführung: 18. September 2019
Dauer: 65 Minuten, ohne Pause, in zwei Teilen.
Text auf Englisch (eine Fassung gibt’s auf Französisch)
Besetzung: Mezzosopran, Bariton (mit In-Ear Monitoren)
Ensemble: 4 Celli.
Die Oper ist nicht dirigiert, sondern mit IEMs synchronisiert.
Verstärkung, Surround-Sound Dispersion, Tonband und Video erforderlich.

Gewinner des 2019 Fedora Generali Preis für Opera
Gewinner des 2020 Ivor Novello Award für bestes Bühnenwerk

>>Klicken Sie hier für die Partitur

Die Videoaufnahme von Philadelphia:

Ein Interview (6′) über die Oper (in Montpellier):

Denis & Katya erzählt die wahre Geschichte der beiden 15-jährigen russischen Teenager Denis Muravyov und Katya Viasova. Über ihre Geschichte wurde im November 2016 weltweit berichtet, nachdem sie gemeinsam von zu Hause weggelaufen waren und sich in einer familieneigenen Jagdhütte in Strugi Krasnye versteckt hatten. Nach einigen Tagen umstellte die Polizei das Haus, die Situation eskalierte und die beiden starben am 16. November 2016 an ihren Schussverletzungen. Die weiteren Umstände ihres Todes sind unklar. Während der drei Tage in der Hütte sendeten sie häufig live in den sozialen Medien und interagierten mit den Online-Zuschauern, während sie inmitten einer Pattsituation mit russischen Spezialkräften filmten. 

Das Textmaterial für die Oper stammt aus Interviews mit Menschen, die diese Ereignisse hautnah miterlebt haben – insbesondere mit dem besten Freund von Denis, der 17 Jahre alt war, als wir mit ihm sprachen, und mit einem Journalisten, der den Ort des Geschehens besuchte und in den Tagen danach einen längeren Artikel über die Tragödie für die Zeitung Medusa schrieb. Andere Interviews mit Mitgliedern der Gemeinde (Nachbarin, Teenager, Lehrer, Arzt) sind fiktionalisiert und basieren auf wörtlichen Quellen wie Presseberichten und einer Fernseh-Talkshow über den Vorfall. Außerdem haben wir Auszüge aus Textunterhaltungen eingefügt, die über Whatsapp Messenger zwischen mir und Ted stattgefunden haben.

Die Oper wechselt in schneller Folge zwischen diesen verschiedenen “Talking Heads”, ähnlich wie eine Fernsehdokumentation, die ein Ereignis aus einer Vielzahl von Augenzeugenberichten rekonstruiert. Die Geschichte setzt sich langsam aus diesen sprechenden Köpfen und der Entstehungsgeschichte der Oper zusammen, die sich in dem Whatsapp-Chatverlauf entfaltet. Jede Figur hat ihre eigene Art, den Text zwischen den beiden Darstellern zu setzen, und ihre eigenen musikalischen Impulse. Das Ergebnis sind 112 Mikroszenen, von denen einige ca. 2 Minuten lang sind, andere wiederum nur 5 Sekunden dauern.

Im Wesentlichen geht es in dieser Oper um das Erzählen von Geschichten. Sie spielt mit der Idee des Geschichtenerzählens, mit der Art und Weise, wie wir uns gegenseitig Geschichten erzählen, sowohl im wirklichen Leben als auch im Internet. Die sechs Figuren haben ihre Geschichten über dieses Ereignis erzählt, und die beiden Darsteller erzählen diese Geschichten dem Publikum in einem spontanen Rollenspiel nach. 

Foto von der Produktion in Philadelphia (Foto: Dominic Mercier)

Pressezitaten

“Am wichtigsten für die langfristige Gesundheit der Kunst war die Uraufführung von Philip Venables’ “Denis & Katya” an der Opera Philadelphia, die auf der wahren Geschichte zweier russischer Teenager basiert, die nach einer Auseinandersetzung mit der Polizei starben. Mit außerordentlicher Sensibilität untersuchte Venables die Folgen des viralen Internet-Ruhms und des Medienrummels. […] Das Bemerkenswerte an “Denis & Katya” ist, wie er die psychologischen Wurzeln unserer Fixierung auf solch traurige und grausame Fälle erforscht. […] Venables’ Art, mit minimalen Mitteln Spannung aufzubauen, ist durchweg erstaunlich.”  — Alex Ross, The New Yorker

“Das Ergebnis all dieser Elemente ist eine unangenehm ergreifende Reflexion über das Erzählen von Geschichten, über die Möglichkeiten und Grenzen unseres Verständnisses – insbesondere über Raum und Sprache hinweg im fragmentarischen Zeitalter der sozialen Medien. In etwas mehr als einer Stunde und mit nur sechs Darstellern ist es ein intimer, eindringlicher Triumph.” — The New York Times

“Venables’ neueste Kreation ist nicht nur das brillanteste Opernwerk, das ich seit einem Jahrzehnt gesehen habe, sondern auch eine sensible, subtile und zutiefst hinterfragende Meditation über Jugend, Voyeurismus und das Zeitalter der sozialen Medien.” — Musical America

“Festival O’s Denis & Katya ist ein monumentales, dramatisch erschütterndes Ereignis, das die elegantesten Mittel einsetzt.” […] “Dies ist ein wichtiges, unkonventionelles Werk, das großartig aufgeführt wird. Denis & Katya verdient es, ein langes Nachleben zu haben, und mit etwas Glück wird es das auch. Aber wenn Sie eine der verbleibenden Aufführungen hier beim Festival O19 sehen können, sollten Sie das unbedingt tun. Es ist absolut fesselnd.” — Parterre Box

“Das sehr experimentelle Stück strahlt eine große Zielsicherheit und eine düstere, durchdachte Kunstfertigkeit aus” Philadelphia Inquirer

“Ein beeindruckendes Werk des Musiktheaters, das mit bewundernswerter visueller und akustischer Präzision und Fantasie aufgeführt wird.” — Opera News

“Die beunruhigende, unkonventionelle neue Oper Denis & Katya des Komponisten Philip Venables und des Librettisten Ted Huffman fordert das Ohr, das Auge und die Seele heraus, eine völlig neue hybride Form des Opernausdrucks zu akzeptieren. Dies ist eine Aufführung, wie sie die meisten noch nie erlebt haben.” […] “Mr. Venables’ Partitur ist eine ganz und gar einzigartige Klangpalette. Der tiefe, oft klagende Ton des Cellos erdet die Komposition in einer passenden russischen Melancholie. Aber es gibt auch reichlich Aufblitzen von brillanten Obertönen und eine aufgeregte Komposition, die die oft deklamatorischen, kantigen Gesangslinien ergänzt. Es war ein Vergnügen, einem für mich neuen Komponisten zu begegnen, dessen Werk zukunftsweisend und doch sehr zugänglich ist.” — Opera Today

“Selten hat sich ein Werk so sehr mit der Kultur verbunden gefühlt, in der es entstanden ist.” —  Broadstreet Review

“Es ist ein düsteres und brillantes Stück – seine Ausdruckskraft liegt in seinem verfremdeten, dokumentarischen Stil. Das abschließende Video des Schauplatzes aus einem fahrenden Zug ist erschütternd und prägt Denis und Katya durch eine ebenso einfallsreiche wie suchende und direkte Oper in unser Bewusstsein ein.” — The Stage (UK)

“Venables verwandelt eine Tragödie aus dem wirklichen Leben in eine schaurige Oper.” — The Guardian

“ein schonungslos originelles Stück, das unsere moderne Welt der Internetabhängigkeit als grausam und zutiefst verdorben entlarvt…. – Dieser 70-minütige Einakter, der zusammen mit dem Schriftsteller Ted Huffman entstanden ist, verändert das Operngenre auf drastische Weise.” — The Sunday Times

“Eine erfrischend originelle und düster-kraftvolle einaktige Oper” The Telegraph

“Beunruhigende Geschichte mit echtem emotionalen Gewicht” — The Times

“Denis & Katya ist eine schlanke, provokative, sogar spielerische Angelegenheit – so weit von der Operntradition der tragischen Romanze entfernt, wie man es sich nur vorstellen kann: eine Oper, in der es nicht um eine Geschichte geht, sondern um das Geschichtenerzählen selbst, die uns in einem raffiniert choreografierten metatheatralischen Tanz anzieht und wieder wegstößt.” — Broadway World


Foto von der Produktion 4.48 Psychosis des Royal Opera House (Foto: Stephen Cummiskey/Royal Opera House)

4.48 Psychosis (2016)

Text: Sarah Kane
Auftraggeber: Royal Opera House
Uraufführung: 24. Mai 2016, Lyric Theatre Hammersmith, London, The Royal Opera, Richard Baker.
Dauer: 90 Minuten, ohne Pause, in 24 Kurzszenen.
Text auf English.
Besetzung: 3 Sopranen, 3 Mezzosopranen
Ensemble, 12 spiele: Altflöte + Picc, 3 Saxophone (alle sop+bar), Klavier+Synthesizer mit Orgelpedal, Akkordeon, 2 Schlagzeuger (Solorollen), Vln+Vla, 2 Vla, Bass.
Verstärkung, Surround Sound Dispersion, Ton- und Videoaufnahmen erforderlich.

Gewinner des 2016 UK Theatre Award for Opera
Gewinner des 2017 Royal Philharmonic Society Award for Large-scale Composition 
Gewinner des 2017 British Composer Award for Stage Work.
Nominiert (in der Shortlist) für den Olivier Award und den Sky Arts South Bank Award.

>>Klicken Sie hier für die Partitur

>>Klicken Sie hier für einen Artikel über die Oper von John Fallas (englisch)

Die Videoaufnahme von der Royal Opera in London:

4.48 Psychosis war das erstaunliche letzte Werk der radikalen britischen Dramatikerin Sarah Kane, das im Jahr 2000 posthum uraufgeführt wurde. Das Stück schildert die Erfahrung einer klinischen Depression und enthöllt auf erschütternde Weise mit Poesie, Wut und schwarzem Humor den Kampf eines Menschen, sich mit seiner eigenen Psychose zu arrangieren. Die Zahlen im Titel beziehen sich auf die Zeit am frühen Morgen, wenn Klarheit und düstere Verzweiflung zusammenfallen.

Foto von der Produktion des Royal Opera House (Foto: Stephen Cummiskey/Royal Opera House)

Pressezitaten

“Die Wucht von Philip Venables’ “4.48 Psychosis” war nicht zu leugnen […] Venables’ Vorliebe für politisch brisante Themen ist umso auffälliger, als er häufig Sprechstimmen verwendet, die mit rasanten Instrumentallinien koordiniert werden. Aber er ist auch ein Komponist von beträchtlicher Raffinesse, der aus wenigen, sorgfältig gewählten Tonhöhen ätherische Texturen weben kann. Diese Kombination aus Wildheit und Sparsamkeit macht ihn zu einer verblüffend originellen musikalischen Persönlichkeit.” — Alex Ross, The New Yorker

“In seiner Oper, die 2016 an der Royal Opera in London uraufgeführt wurde, hat der Komponist Philip Venables in Kanes Stoff eine Landschaft aus Eiseskälte und Sensibilität gefunden, in der Sprechen und Singen mit unheimlicher Leichtigkeit ineinander fließen. […] Alles in allem vermeidet diese “4.48” weder die Momente des rabenschwarzen Humors noch die leuchtenden Passagen des Textes; sie beschönigt Kane nicht, noch macht sie ihre Brutalität unerträglich. Es ist ein elegantes, wildes, nicht klassifizierbares Stück als Musik.” — Zachary Woolfe, The New York Times

“Trotz der Gewalt gibt Venables eine Darstellung der Depression, die Zähigkeit, Intelligenz und Menschlichkeit hervorhebt.” — Lana Norris, I Care If You Listen.

“Venables nutzt den mäandernden Bewusstseinsstrom des Stücks voll aus und schafft eine brennende, kaleidoskopische Partitur, die die Lyrik und Brutalität von Kanes Text in den Vordergrund stellt. Venables’ Partitur hat eine unerbittliche Intensität, die Kanes Stück mit einer viszeralen Wirkung ausstattet, die bei Theaterproduktionen des Werks so oft fehlt. Die textlichen Kontraste werden in einer Partitur, die zwischen artaudianischem Delirium und barocker Abgeklärtheit wechselt, auf die Spitze getrieben. […] Letztendlich ist 4.48 Psychosis ein herzzerreißender, absolut verheerender Opernabend, den man nicht verpassen sollte.”  — Callum John Blackmore, Parterre Box

“Diese allererste Opernvertonung des Royal Opera House Guildhall Composer-in-Residence Philip Venables besticht durch ihre schlichte Ehrlichkeit. Mit einer Partitur, die arglos von motorischer Arrhythmie bis zu hauchiger Renaissance reicht, versuchen Regisseur Ted Huffman und sein Team weder dramatische Ausschmückung noch Erklärung, sondern lassen den Text in einem Kaleidoskop innerer und äußerer Konflikte atmen.  […] Duellierende Schlagzeuger parlieren in einem Arzt-Patienten-Morsecode. Ein Wandteppich aus Streichern, Akkordeon und Saxophon beschwört polyphone Sehnsüchte herauf, während wir zärtlich, aber unaufhaltsam hoffnungslosen Abgründen des Geistes begegnen. Das Wissen um Kanes Selbstmord kurz nach der Niederschrift des Stücks kann dieses humane und unaufdringliche Stück nur noch fesselnder machen.” — The Independent

“4.48 Die Psychose-Oper ist roh, kraftvoll und zerreißend ehrlich.  “Venables’ hochtrabende Partitur ist eine Klanglandschaft, die das Herz dieser Dunkelheit fantasievoll durchdringt und dramatisiert. Grausame, eindringliche Trommelschläge mischen sich ironisch mit dem aus dem Radio übertragenen Cocktail-Knutschen; der Gesang schwankt zwischen monotonem Gesang und schriller Angst; und es gibt sogar Momente melancholischer Schönheit, wenn die Frauen ihre Klagen über ein verlorenes Leben voller Schönheit, Freundschaft und Wert harmonisieren.  […] Dies ist eine dringende Botschaft aus der Hölle der schwarzen Hunde, und sie sollte nicht ungehört bleiben.” — The Telegraph

“Philip Venables beweist, dass er einer der besten Komponisten der Welt ist, mit einer komplexen Filmmusik, die von Kanes sehr persönlicher Geschichte einer klinischen Depression inspiriert ist.  “Aber die sehnsüchtige, komplizierte Vokalmusik – Monteverdianisch in ihrer Zeitlosigkeit – erinnert uns auf ergreifende Weise daran, dass Depression auch die Abwesenheit von Liebe ist. Selbst in ihrer Verzweiflung kann Kane ein wilder Ironiker sein, und die endlosen Verschreibungen von Antidepressiva werden von frechen, postmodernen Toccatas begleitet. Das Wort “Stille” war ihre einzige Regieanweisung; Venables füllt diese Pausen mit fernem Muzak, das zu den nervtötendsten Klängen des Werks gehört.  […] vor allem bestätigt es Philip Venables’ Ruf als einer der besten der jüngeren Generation von Komponisten, die heute arbeiten.” — The Guardian.

“Jede selbstverletzende Silbe von Sarah Kanes wütendem Stück wird deutlich, wenn Philip Venables ein musikalisches Vokabular für die Drogen findet, die Depressionen behandeln.  “Chromas Streicher, Saxophone, Akkordeon und Synthesizer verschmieren und verschwimmen parallel zu den Drogen, manchmal zart, manchmal heftig. Klicken Sie hier für weitere Informationen. Jede selbstverletzende Silbe des Textes ist klar. Es gibt neonhelle Grüße an Bartóks Blaubart (eine Explosion von Door Five C-Dur) und ein Lamento, das aus dem Agnus Dei von Bachs h-Moll-Messe stammt.” — The Times

‘Unerschüttert und abschreckend’. “Kanes Text wird gesprochen, gesungen und auf Leinwände projiziert: Er scheint von überall her zu kommen. Aber Venables’ Leistung ist größer als das. Er schafft es, Kanes bahnbrechendes Format mit seiner eigenen, ungeknöpften Fantasie zu bereichern. Seine Partitur schwankt zwischen klappernder Polyphonie, sägenden Holzgeräuschen und postromantischen Arien, gewürzt mit unheimlichen Geigenkreischen. Bei den Gesprächen zwischen Patient und Therapeut stoßen zwei Schlagzeuger rhythmische Sprachmuster aus, während der Text auf Bildschirmen unter ihnen erscheint. Wenn der Lärm verklungen ist, bleibt das gleichgültige Geklimper von Fahrstuhlmusik zurück. Es ist verstörend und beängstigend, wenn auch mit Kanes typischem Humor gespickt. Vor allem aber ist es schwindelerregend bunt.“ — The Financial Times


Foto von Pekka Kuusisto und das BBC Sinfonieorchester in Venables plays Bartók

Venables plays Bartók (2018)

Violinkonzert
Text: Philip Venables (nach Rudolph Botta)
Auftraggeber: BBC Symphony Orchestra / BBC Radio 3
Uraufführung: 17. August 2018, BBC Proms, BBC Symphony Orchestra, Pekka Kuusisto (violin), Sakari Oramo.
Dauer: 31′
Ensemble: solo violin, Tonband (stereo) und Orchester
(2.2.2.2 / 4.2.2.1 / piano.timp.3perc.soundcue operator / min:12.10.8.6.4).

>>Klicken Sie hier für die Partitur

>>Klicken Sie hier für einen Artikel von mir über das Konzert in The Guardian (englisch)

Die Audioaufnahme von den BBC Proms:

philipvenables · Venables Plays Bartók

Ein Interview mit Hannah Conway über das Stuck (BBC Radio 3):

philipvenables · Philip Venables in Conversation with Hannah Conway, BBC Proms 2018

Im November 1993 war ich 14 Jahre alt und übte für eine Geigenprüfung. Meine Lehrerin, Marilyn Shearn, nahm mich und drei andere Schüler mit, um für ihren alten Lehrer, Rudolf Botta, zu spielen. Ich spielte Bartóks “Abend im Dorf”, ein Dauerbrenner im britischen Prüfungslehrplan. Marilyn nahm den Meisterkurs auf Video auf, und fast 25 Jahre später fand ich diese Kassette in einem Schuhkarton, als meine Eltern aus unserem Elternhaus auszogen. Mit dieser Entdeckung begann ich, dieses Konzert zu recherchieren und zu schreiben — ein “Musikhörspiel”, das den Zusammenfluss der musikalischen Leben feiert, die zu diesem Moment im November 1993 führten und ihm folgten.

Rudolf Botta hatte ein bemerkenswertes Leben. Er wurde 1918 geboren und ging als Jugendlicher zwei Leidenschaften nach: dem Geigenspiel und dem Fechten. Während des Zweiten Weltkriegs spielte er eine wichtige Rolle in der ungarischen Armee und später im antisowjetischen Widerstand zwischen 1946 und 1956. Die Sowjets schickten ihn 1952 in ein Arbeitslager und folterten ihn, da sie wussten, dass er ein professioneller Geiger war, so sehr, dass er nie wieder spielen konnte. Im Zuge der Amnestie nach Stalins Tod wurde er 1953 freigelassen und gründete in seiner Heimatstadt Bonyhàd eine Musikschule, nur um drei Jahre später als regionaler Anführer der Revolution von 1956 zu gelten. Nach einem Hinweis auf seine bevorstehende Verhaftung floh er mit seiner Frau Leonka und seinen beiden Töchtern Alexandra (Emöke) und Genevieve aus Ungarn. Sie wurden im Großbritannien herzlich aufgenommen, und nach einer kurzen Zeit als Fensterputzer wurde Rudolf Lehrer am heutigen Royal Northern College of Music. Rudolfs Gabe war das Unterrichten, und im Laufe seiner 30-jährigen Karriere beröhrte er das Leben von Hunderten von Geigern und zukünftigen Musiklehrern; Marilyn Shearn war eine von ihnen, und Bottas rigorose, pragmatische und inspirierende Lehre gab sie wiederum an mich weiter.

Venables plays Bartók,geschrieben im Jahr 2018, ist eine Serie von musikalischen Postkarten, die um sechs von Bartóks Bearbeitungen ungarischer oder rumänischer Volkstänze und zwei seiner eigenen Miniaturen (Die Musik der Nacht und Die Jagd) aufgebaut sind:

  1. Abend im Dorf
  2. Rumänische Polka / Schneller Tanz – 1944, Bonyhàd, Ungarn
  3. Die Musik der Nacht – 1946, Griffen, Österreich
  4. Stecktanz – 1956, Bonyhàd, Ungarn
  5. Die Jagd – 1956, Ein Flüchtlingslager in Wien
  6. Tanz aus Bucsum – 1957, Burnley
  7. Bärentanz – 1952, Ein unbekannter Ort in Ungarn
  8. Abend im Dorf (Reprise) – 1938, Bonyhàd, Ungarn
  9. Standing Still

Diese Postkarten sind paraphrasierte “Tagebucheinträge”, die zwischen zwei Zeitebenen wechseln: die erste ist meine eigene Reise durch die Arbeit mit Pekka, die Befragung von Bottas Familienmitgliedern und ehemaligen Schülern und die Lektüre seiner umfangreichen Memoiren; die zweite ist Bottas Reise durch den Zweiten Weltkrieg, die Gefangenschaft, die Flucht aus Ungarn und die Ankunft in Großbritannien. Diese beiden Geschichten treffen sich in dem Moment, als ich Botta vor 25 Jahren Bartók vorspielte. Die Hoffnung ist, dass ich ein Stück geschaffen habe, das die “Violin-Genealogie” reflektiert, die mich mit Marilyn und Rudolf verbindet und die es mir schließlich ermöglichte, Musiker zu werden und dieses Violinkonzert zu schreiben.

Pressezitaten

“Es hätte alles so selbstverliebt oder prätentiös sein können, zumal das Stück mit dem Ton aus dem Video des Meisterkurses aus der Kindheit gipfelt, in dem der junge Venables das Stück spielt, mit dem der Solist, Pekka Kuusisto, die Reise des Werks begonnen hatte. Doch die Art und Weise, wie sich das Werk entfaltete, hatte etwas sehr Bewegendes, ja Tiefgreifendes an sich: Die Alltäglichkeit der Kreativität, wie sie der Komponist schilderte, kontrastierte mit Bottas oft erschütternden Erinnerungen (gesprochen vom Schauspieler Jot Davies), und die Musik von Bartók und Venables beleuchteten sich gegenseitig, wobei die Volkstanzarrangements des Ungarn dem musikalischen Fluss vertraute Berührungspunkte boten. In der Tat war das Zusammenspiel zwischen Solist, Orchester und Stimme (letztere war im Saal nicht immer ideal ausbalanciert, um ultimative Klarheit zu erreichen, und es gab eine Handvoll technischer Pannen) so gut, dass der Fokus zu jeder Zeit überraschend klar und direkt mit Ohr und Gehirn verbunden war.” — Bachtrack

Das Zusammenspiel von Bartoks Musik mit Venables und dem aufgezeichneten gesprochenen Text, sowohl die Auszüge als auch Teile des eigentlichen Coachings mit Botta, wobei ein Aspekt im Vordergrund steht und dann zurücktritt, wenn sich der Fokus auf einen anderen verlagert (an einer Stelle erinnerte ich mich an Strawinskys Bemerkung über das erste Mal, als er Pierrot Lunaire hörte – dass er wünschte, die Sängerin würde still sein, damit er die Musik hören könne – und an einer anderen bedauerte er, dass die Musik es schwer machte, das Gesprochene zu verstehen), Die Klarheit der Zeitsprünge in den Geschichten und die Beherrschung und Ausgewogenheit der Dichte der Texturen ist immer fesselnd und interessant, aber die Entfaltung von Aspekten des Lebens einer Person und wie sie und er sich dann auf verschiedene Weise auf andere Leben auswirken, ist absolut überzeugend und sehr bewegend. Es war beeindruckend in seiner Konzeption und seiner meisterhaften Umsetzung, und als Gesamterlebnis absolut zufriedenstellend.” — Sequenza 21

“Das halbstündige Werk mischte Bottas aufgezeichnete Erinnerungen, acht kleine volkstümliche Stücke von Bartók, das Tonband, auf dem Venables zu Botta spielt, und Venables’ eigene clusterreiche, atmosphärische Musik. Brillant gespielt von Pekka Kuususto in einem ansonsten unauffälligen Konzert des BBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Sakari Oramo, war das Konzert am stärksten, wenn es die Schrecken der sowjetischen Besatzung heraufbeschwor, und am seltsamsten, wenn es Venables’ Kommentar dazu enthielt, wie er es schrieb.” — The Times